MILLIARDEN
Location Saarburg, Kaserne, OPEN AIR
Irscher Straße 56
Datum Freitag, 06.08.2021
Einlass 19:00 Uhr
Beginn 20:30 Uhr
Preis Tickets 32,50€ im Vorverkauf
inkl. VVK-Gebühren,
(erhöhter Preis an der Abendkasse)(Corona Bestuhlung), freie Platzwahl
Website
Änderungen und Fehler vorbehalten!

MILLIARDEN

Schuldig Open Air 2021

volksfreund

Die Unschuldsfrage steht auf jedem Etikett, jeder Inhaltangabe, im Kleingedruckten jedes Kontoeröffnungsformulars. Und
wenn es Vordrucke für Zwischenmenschliche Begegnungen gäbe, würde sie prophylaktisch vermutlich auch darin zum
Abhaken auftauchen. Es ist zum Schlechtwerden und längst überfällig, einen anderen Umgang mit der Unschuld zu finden
– vielleicht sogar eine andere Sprache. Um die kämpft die Berliner Band Milliarden auf ihrem neuen Album „Schuldig“ mit
aller Macht, allen Beilen, allen Steinen, allen Macheten, aller Wort- und Musikfindungsoriginalität.

„Himmelblick“, die Single-Auskopplung, ist in ihrer Ambiguität ein ohrenreibendes Amuse-Gueule vor dem Album-
Hauptgang: zum Mitklatschen folkrockig in der Musiksprache, voller Ekel und Schönheit in der Aussage. Tut es schon weh?

Nein? Ist ja sowieso alles egal, über den Wolken, im Flieger über dem Kriegsgebiet. Hauptsache, jemand guckt verliebt.
Und, Baby, wenn das nagende Gefühl im Bauch besonders nagt, ficken wir den Tod einfach weg. Es wächst ja wieder Neues
heran, das auch irgendwann egal wird. Tut es jetzt weh? Immer noch nicht? Rasch auf die Bordtoilette zum schnellen Sex!
Dir, mir, uns, denen, allen ist ja ohnehin alles egal.
Milliarden kommen aus Berlin. Sie sind zu zweit. Auf der Bühne und zur Einspielung von zweimal Ideenrausch sind sie in
der Regel mehr als Zwei. Milliarden machen Rockmusik. Sie können aber auch Pop wie weiland XTC. Also vom Feinsten.
„Schuldig“, das dritte Album, das, nochmal eingestreut, ihr neues ist, bewegt sich musikalisch und inhaltlich weg von dem
was war, hin zu dem was ist. Milliarden sind jetzt, soweit man 2020 eigenständig sein kann, autark, sie haben ein eigenes
Plattenlabel gegründet: „Zuckerplatte“. Milliarden sind Ben Hartmann und Johannes Aue.

 

Annäherung

Eine Autofahrt von Wien nach Berlin. Am Steuer: Ben Hartmann. 2013 gründete er zusammen mit Johannes Aue das Rockgebilde Milli-
arden. Als Kreativschmiede sind sie zu zweit geblieben. Für die Live-Umsetzung ihrer Lieder und im Aufnahmestudio kommt ein fester

Kreis an Musikern dazu. Die sind, laut Hartmann, allesamt bessere Instrumentalisten als er und Aue. Texte und Kompositionen, die gestal-
terischen Impulse, stammen hingegen ausschließlich von den beiden Milliarden-Gründern. Das mit der Musik fing früh an, mit ungefähr

12. Die Kindergärtnerin, die im Plattenbau in Berlin-Marzahn-Hellersdorf eine Wohnung nebenan bewohnte, konnte zwei, drei Griffe auf
der Akustischen spielen – wie eigentlich jede Erzieherin. Ein paar gelauschte und selbstausprobierte Akkorde öffneten Hartmann und
Aue eine Welt, in der sie sein konnten. Danach kam Punk. Der Haltung wegen. In der sechsten Klasse gab es Mitschüler, die sich Nazis
nannten und kurzgeschorene Haare trugen. Denen begegnete Hartmann mit bunten Schnürsenkeln, seinem ersten Irokesen und der
Energie des Skatepunk. Die Freunde aus den benachbarten Asylantenheimen, Russen, Bosnier, Kasachen, und der erste, beste Freund
aus der Mongolei, förderten mit ihren Lebensgeschichten ein humanistisches Menschenbild, das zur Überzeugung wurde. Als werbende
Geste will Ben Hartmann seine Vita und das was ihn und Johannes Aue ausmacht nicht missverstanden wissen. Sozialromantik ist ihm
genauso suspekt wie das schlagwortgerechte Für und Wider unserer Zeit. Man muss Musik nicht mit marktkonformer oder zeitgeistiger
Heureka!-Politur anbieten. Sie darf auch für sich sprechen.
Unschuldig
Kurz hinter der österreichisch-tschechischen Grenze redet Ben Hartmann über das neue Milliarden-Album „Schuldig“. Es ist das Dritte
der Band und es markiert eine Bewegung von dem was vorher war zu dem was jetzt ist. Oder besser gesagt: „Schuldig“ ist, neben all
dem Vieldimensionalen, das die Platte ausmacht, auch ein wichtiger Schritt Richtung Selbstbestimmung. „Zuckerplatte“ heißt das
frisch gegründete, bandeigene Plattenlabel, dessen erste Veröffentlichung die vorherigen sieben Bandjahre keinesfalls in Abrede stellt.
Hartmann und Aue haben sich aber willentlich von Vielem getrennt, um etwas Neues erforschen zu können. Die Sache mit der Unschuld
beispielsweise. Man muss die Werke der großen Philosophen nicht kennen, um den Ekel empfinden zu können, den die Unschuld
nach sich ziehen kann. Auch das, zugegeben, erheiternde Studium der Schriften Friedrich Nietzsches ist nicht vonnöten, um „Schuldig“
verstehen zu können. Es reicht schon ein Spaziergang durch bundesdeutsche Innenstädte und das Vertrauen auf die eigene Intuition.
Der Glaube an die Unschuld ist ein sozialromantisches Konstrukt, ein großer Kitsch, der sich bis zur Unkenntlichkeit durch alles zieht
und zieht und zieht und zieht. „Los, leise, langsam, laut…“ – dann ist man auch schon mitten im „Schuldig sein“, mitten in den Grauzonen
zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben an einer Gesellschaft, in der Sex, Medizin und Kokain Verbraucherinteressen definieren. „Poch,
poch, herein!“ sagt die Stimme am Ende des ersten Songs der neuen Platte. Es ist das Entree ins Album „Schuldig“. Es kann aber auch der
Zugang zu dir, zum Ekel vor dir selbst oder zur Selbstakzeptanz sein, den du dir selbst gewährst – nach dem ganzen Koks- und Pillen- und
Menschenfleischrausch.
Schuldig
Die Liebe! Oh, ja, die Liebe. Auch so ein Konstrukt! Was ist Lüge, was ist Wahrheit? „Wir müssen lieben, um zu leben“ heißt es so schön
plakativ in „Die Gedanken sind frei“. Wirklich? Trotz des Bewusstseins, dass uns die Neurosen aneinander abarbeiten lassen, beim Lieben,
beim Sex? Nichts auf dem Album „Schuldig“ ist manifest. Alles fließt, alles steht zur Disposition. „Schuldig“ ist frei von Moralisieren und
Polarisieren. Aber es ist einer Frage auf der Spur, die so alt ist wie das Streben nach der Unschuld: Wer bin ich? Möglicherweise findet
man die Antwort darauf bereits, wenn man ein anarchischer Zustand seiner eigenen Geschichte sein will – um nicht nur Spielball in einer
Geschichte gewesen sein zu müssen, in der man stattfand. Vieles auf „Schuldig“ dreht sich um Selbstermächtigung, um die Ahnung,
dass uns nicht nur Sprache, Ohnmacht und Gewöhnung definiert, sondern das bewusste Treffen von Entscheidungen. „Wir Ficken den
Tod einfach weg“, heißt es aus den Lautsprechern, während Ben Hartmann „Himmelblick“, die erste Single-Auskopplung aus „Schuldig“
vorspielt. Wieder eine dieser vieldeutigen Milliarden-Aussagen! Der Gesang folgt dazu beinahe Rap-Pulsmustern, während die Musik
parallel mit klassischem Folkrock flirtet. Es ist viel los in den zehn Stücken des neuen Milliarden-Albums. „Die Fälschungen sind echt“ ist

Pop, yeah, yeah yeah! So sehr Pop, dass XTC glatt wiederauferstanden sein könnten. „Weiter, weiter, weiter“ trägt die geschlagene Tasten-
klappe eines Pianos in gestampfter „We Will Rock You“-Manier durch die Ballade „Ich schiess dir in dein Herz“.

Epilog
„Neues Leben“, der vorletzte „Schuldig“-Song fasst das Album treffsicher formuliert zusammen. Der Rock-Bolero steigert sich und steigert
sich bis die Zeile „Ich werde mir das neue Leben nehmen“ wie ein Urschrei erklingt. Ist das die Umkehr vom Ekel vor sich selbst und vor
der Masse hin zum Versöhnlichen, zur Selbstgnade? Könnte schon sein. Erklären möchte Ben Hartmann, die eine Hälfte von Milliarden,
seine Texte nicht. Das wäre ja auch viel zu sehr Beipackzettelgebaren für eine Band, die gerne an das Denkvermögen aufmerksamer
Ohrenpaare appelliert. Gleichzeitig ist „Schuldig“ aber auch so viel Schweiß, Blut, Tränen und Aroma, dass die Denke das Gesamtwerk
ruhig auch erst später erfassen darf. Beim zwanzigsten, dreißigsten Hören. Nach dem Passieren der tschechisch-deutschen Grenze bei
Dresden setzt die Reflexion des Gehörten und Besprochenen ein. Und das gute Gefühl, den Raum mit einer Kreativbande geteilt zu
haben, die dem Höher-Schneller-Weiter-Diktat der Populismus-Branche trotzt. Mit der Hinwendung zu mehr Tiefe, Wahrhaftigkeit und
Intensität.

MILLIARDEN
Location Saarburg, Kaserne, OPEN AIR
Irscher Straße 56
Datum Freitag, 06.08.2021
Einlass 19:00 Uhr
Beginn 20:30 Uhr
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Saarburg Kaserne

Irscherstraße 56, 54439 Saarburg

 

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